browser icon
You are using an insecure version of your web browser. Please update your browser!
Using an outdated browser makes your computer unsafe. For a safer, faster, more enjoyable user experience, please update your browser today or try a newer browser.

Hirano

Ein japanischer Stadtteil im Museumsrausch

Ottenser Delegation knüpft Kontakt mit dem Stadtteil Hirano in Osaka.

Ein hübsches braungraues Steinmuster ist in viele Straßen von Hirano eingelassen. Diese Mosaiken führen durch schmale Gassen, vorbei an traditionell gebauten Holzhäusern, Gedenksteinen, Tempeln und Schreinen. Besucher können hier und dort einen Plan ausgelegt finden, den der “Verein für behutsame Stadtentwicklung Hiranos” herausgegeben hat und mit dem über die nicht gerade herkömmlichen Sehenswürdigkeiten im Stadtteil informiert wird.

Anläßlich des 10-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Osaka zieht eine 10-köpfige Delegation aus dem Stadtteil Ottensen Ende Mai 99 durch die engen, rechtwinklig angelegten Gassen Hiranos. Für die Mitglieder und Freunde des Japanisch-Deutschen Stadtteildialogs, der schon seit 8 Jahren den Ost-West-Dialog führt, ist es die erste Kontaktaufnahme mit dem im Süden von Osaka gelegenen Stadtteil. Ziel ist es, sich kennenzulernen und sich künftig über Stadtteilangelegenheiten auszutauschen.

Kleine Holztürmchen entlang unseres Weges erinnern an die ehemaligen Wachhäuser am alten Stadtgraben, erzählen von der 800-jährigen Geschichte des Ortes. Wie Ottensen war Hirano einst ein freier und eigenständiger Ort; heute ist Hirano ein Bezirk der Millionenstadt Osaka.

Auch der Baum vor dem Kumata-Schrein ist schon achthundert Jahre alt.
In diesem Heiligtum wird eine nahezu einzigartige traditionelle Kunst des Landes gepflegt: Hier treffen sich Bewohner, um gemeinsam Renga, die Kunst des Kettendichtens auszuüben – ein literarisches Spiel zwischen Ritual und Phantasie, gepaart mit Schnelligkeit.

Ganz untraditionell geht es allerdings zu, wenn auf dem Schreingelände einer der vielen Flohmärkte stattfindet, die vor allem zum Zwecke der nachbarschaftlichen Kontaktaufnahme ins Leben gerufen wurden.

In der überdachten Einkaufsstraße, die so schon 50 Jahre lang besteht, reihen sich bunte Stände mit seltsamen Süßigkeiten, unbekannten Fischen, unzähligen Teesorten und eng gestapelten Haushaltswaren aneinander. Dazwischen bieten kleine Buden traditionelle “Snacks” an und Spielautomaten plärren.
Inmitten des bunten Treibens, unter einem riesigen Lampion, befindet sich der Eingang zum Senkoji-Tempel – einem buddhistischen Gotteshaus voller Überraschungen.
Im Garten erwartet uns ein kleiner Teufel aus Pappe, der den Weg in die “Hölle” weist. In einem abgedunkelten Raum lassen gar schreckliche Geister die Besucher erschauern, und ein Stück weiter längs des Weges kann man seinen Kopf in einen Stein stecken, um “Höllengeräusche” zu hören. Ein verschlungener Pfad führt dann unter lindgrünen Bambusgräsern zum “Himmel”, einem glitzernden, sich im Wasser spiegelnden Kunstwerk, das zum Verweilen und Meditieren einlädt.

Ein Tempel? Ein Freizeiterlebnispark? Eine Kunstgalerie? Die Ideen von Ryonin Kawaguchi, dem Abt des Tempels, der mit Enthusiasmus “seinen” Stadtteil erläutert, sind nicht ganz so ehrwürdig wie sein Amt, er möchte sowohl die Jugend begeistern und Familien wieder in den Tempel locken als auch einen ruhigen Platz für die Alten bieten. Neben der Wahrheit und Schönheit soll auch der “Spaß” – wie er sich ausdrückt – einen Platz in seinem Tempel haben.

So findet sich auf dem Tempelgelände auch eine umfangreiche Ausstellung von Kinderspielzeug aus den vergangenen 50 Jahren, die “den Besuchern sehr gut die Kultur dieses Landes vor Augen führt”. Und mittels einer alten Telefonapparatur sind einzelne Geräusche aus dem Stadtteil wahrzunehmen – ein außergewöhnliches Geräusch-Archiv, natürlich auch auf CD verewigt. Projektleiter ist Atsushi Nishimura, der bezeichnenderweise an der “Fakultät für Lebensqualität” promovierte.

Abt Kawaguchi, der Mann mit der freundlich integeren Ausstrahlung, bündelt die Energien der Bürgerinitiative von Hirano, die neben vielem anderen bis heute 13 kleine Museen geschaffen hat. Demnächst sollen es in einer Großaktion 100 Museen werden – ein Stadtteil im Museumsrausch!

Da ist z. B. der Konditor, der im Verkaufsraum seine alten Backformen ausgestellt hat, dazu so manche Geschichte zu erzählen weiß und auch gerne mal zeigt, wie die traditionellen Süßigkeiten in den Formen und Farben der Jahreszeiten hergestellt werden.

…Oder der Fahrradhändler Tagawa, der über 400 Fahrräder, darunter die merkwürdigsten Zweiräder, gebaut hat und diese abwechselnd auf knapp 20qm ausstellt. Mit einer seiner Kreationen schaffte er es sogar ins Guinnessbuch der Rekorde – sie ist das größte gebrauchsfähige Zweirad der Welt.

Dicht gedrängt sitzen wir im traditionellen Langhaus von Herrn Matsuya, Färber und Weber. Ausgestellt hat er allerdings nicht seine schönen Stoffe, sondern Filmgeräte. Er zeigt Apparaturen aus den letzen 60 Jahre, drückt uns eine gemalte Filmrolle in die Hand, präsentiert seltene Formate und vor allem jede Menge Videos.

Darin festgehalten sind Geschichten des Stadtteils, z. B. die von Frau Imano, 82 Jahre alt, deren Haus noch aus der Edozeit stammt, also 150 Jahre alt ist. Ihr Haus kann an jedem vierten Sonntag im Monat besichtigt werden. In einem Interview des Films erzählt sie über eine weitere Aktion von Bürgern aus Hirano: “Es gab Treffen, auf denen wir uns Geschichten von früher erzählt haben. Ich hörte sie mit nostalgischen Gefühlen. Jetzt sind sie in einem Buch veröffentlicht worden, und ich lese die Geschichten, die man sich früher in Hirano erzählte, meinem Enkel vor…”

Abt Kawaguchi erläutert bei grünem Tee und Keksen, daß sie mit Ihrer Initiative keine Touristen anlocken wollen, alles ist für ein besseres Zusammenleben im Stadtteil gedacht, gebaut und renoviert. An die Kinder soll eine lebens- und liebenswerte Zukunft weitergegeben werden.
Angefangen hatte das Engagement mit einem Bahnhof, der abgerissen werden sollte – ein achteckiger Holzturm, den die Bürger gerne behalten hätten. Doch allen Protesten zum Trotz mußte er weichen. Damals hat Abt Kawaguchi mit Gleichgesinnten eine Zeremonie abgehalten, den Bahnhof “beerdigt”.

Das erinnert natürlich sofort an unsere Ottenser Geschichte, in der auch ein Bahnhof trotz allen Widerspruchs abgerissen und damit ebenfalls der Grundstein für Aktivitäten gelegt wurde, die Ottensen zu jenem Stadtteil mit Ambiente werden ließen, der sich heute so großer Beliebtheit erfreut. Hier wie dort wurden die Spuren der ehemaligen Bahnschienen (dort Straßenbahn, hier Industriebahn) erhalten und erinnern an die Vergangenheit der Stadtteile.

Alte Häuser bleiben hier wie dort bestehen, und im Senkoji Tempel von Hirano verbindet sich, wie in den ehemaligen Ottenser Fabriken, Altes mit Neuem.

Bisher gab es keine städtische Hilfe für die Initiative von Hirano. Abt Kawaguchi führt auf dem gemeinsam veranstalteten Symposium im International House Osaka aus:

“Wir haben bisher auf die Unterstützung der Stadt Osaka nicht viel Wert gelegt, denn ich liebe frischen Fisch, und frisch müssen auch die Aktionen bleiben. Die guten Ideen sollen nicht in den Büros der Stadtverwaltung liegen bleiben bis sie vergammelt sind.”

Die Stadt Osaka will den Stadtteil Hirano nun allerdings als Modellfall aufgreifen und bei der weiteren Entwicklung helfen; das DAN Planungsinstitut entwickelte dazu ein Projekt mit dem zukunftsträchtigen Namen “Hope Zone”. Gerade diese Entwicklung steigert das Interesse vieler Bürger von Hirano an Ottensen. Wie auf dem Symposium durch Vertreter des Japanisch-Deutschen Stadtteildialogs vorgetragen wurde, konnten viele Projekte in Auseinandersetzung mit der Stadt Hamburg oder dem Bezirk Altona finanziell verwirklicht werden. Wie man dabei seine Eigenständigkeit behält und “frisch” bleibt, darüber würden die Japaner gern weiter mit uns sprechen. So wird mit Spannung der Herbst erwartet, wenn Bewohner aus Hirano zum ersten Mal Ottensen besuchen, um sich hier in den Gassen, Zentren und ehemaligen Fabriken umzusehen.

Brigitte Krause


Comments are closed.